Tuesday, April 5, 2011

Alltag in Dublin - oder der ganz normale Wahnsinn

Ich bin Radfahrer. Ein passionierter. Und solang ich mich erinnern kann, habe ich alle Wege mit dem Rad zurückgelegt. Das ist auch heute noch so. Allerdings befinde ich mich heute nicht mehr im vergleichsweise beschaulichen Berlin, sondern im völlig chaotischen Dublin. Dublin hat ein Viertel der Einwohner Berlins, aber gefühlt fünfmal so viele Autos.

War radfahren früher tatsächlich eine schöne Art von A nach B zu kommen, so ist es heute ein täglicher Kampf ums Überleben - zumindest in Dublin. Naja, Überleben ist vielleicht etwas übertrieben, aber es ist ein Kampf von David gegen Goliath und mein tägliches persönliches Sisyphos-Erlebnis. Jeden Morgen geschieht im Grunde dasselbe: Der Verkehr auf der Straße steht, die wenigen Radwege, die für solche wie mich angelegt wurden stehen auch - und zwar voll mit Autos, die keinen Deut darauf achten, dass da dem Namen nach ein Weg für Räder gezeichnet wurde, damit sich diese einigermaßen barrierefrei fortbewegen können.

Nachdem man sich also dem Schneckentempo des Verkehrs angepasst und versucht hat, sich an den blockierenden Autos vorbeizuschlängeln, geht es einigermaßen flott weiter, bis zum unvermeidlichen Zusammentreffen mit ihm - dem Dublin Bus. Hellblau und in der Doppeldeckerversion röhrt er durch die Straßen Dublins, und der ihn steuernde Fahrer scheint außer geradeaus, nirgendwohin zu sehen - jedenfalls nicht links neben sich, wo Radfahrer auf ihr Recht zur Nutzung des Radweges hoffen. Wenn man vergäße, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Busfahrer Dublins mit- und vorauszudenken, dann fände man sich vermutlich sehr bald entweder im Krankenhaus oder geplättet auf der Straße wieder. Da heißt es für David, dem Goliath die Vorfahrt zu überlassen - ob diese nun über den Radweg führt oder nicht.

Wenn man die Klippe der Bus-Skylla erfolgreich umschifft hat und weder seine Gesundheit, noch das Leben verloren hat, erwartet einen auch schon Charyptis in Form von Riesenschlaglöchern, die in der Lage und willens sind, jedem Fahrrad den Garaus zu machen. Dublins Straßen sind die wahrsten Folterinstrumente für Fahrräder, und es tut mir jedes Mal in der Seele weh, wenn ich einer dieser hinterhältigen Fallen nicht rechtzeitig ausweichen konnte, und mein Rad ob dieser Überbeanspruchung ungehalten ächzt. Wenn man jedoch geübt ist in der Kunst des Slalomfahrens, dann sollte man ungeschoren über das Schlaglochfeld gelangen können.

Hat man dies geschafft, erwartet einen der Lohn für die Mühen - ein leicht bergabführender Weg am mit Schwänen und Blässhühnern gesäumten Kanal entlang, der einen direkt und voll ungetrübter Fahrfreude zum Ziel führt. Und einmal mehr ist es vollbracht. Der Stein ist auf die Spitze des Berges gerollt und bleibt dort - bis zum nächsten Morgen, wo er - wie jeden Tag - wieder am Fuße des Berges liegt und darauf warten von Neuem hinaufgerollt zu werden...